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DVD-Kritik: „Black Snake Moan“ (USA 2007)

Mai 20, 2008

Ein kleines verschwitztes Kaff im Süden der USA wird Schauplatz einer ungewöhnlichen Tat. Lazarus (Samuel L. Jackson) nimmt das Schicksal einer sündigen jungen Frau (Christina Ricci) in seine Hand. Kettet sie an einen Heizkörper, holt seine alte Bluesgitarre aus dem Schrank und unternimmt den Versuch ihr einzig mithilfe der Musik und des Glauben die inneren Dämonen auszutreiben….

Im Kern also handelt diese Südstaatengeschichte von zwei mit immensen Problemen und Sorgen geplagten Menschen. Lazarus, der von seiner Frau verlassen wurde und den Kummer in Alkohol ertränkt und Rae, ein von Sexsucht geplagtes junges Girlie. Die Unterschiede zwischen den beiden sind also unübersehbar, nichts scheint sie zu vereinen. Weder Lebenseinstellung, Glaube noch Hautfarbe. Und doch führt sie das Schicksal unweigerlich zusammen, als sich der streng religiöse Lazarus dem beinahe zu Tode geprügelten Mädchen annimmt. Zutiefst entsetzt angesichts der Gerüchte und Geschichten über Rae, sieht er nur noch einen Ausweg ihr die inneren Dämonen auszutreiben. Angekettet an einen Heizkörper will er sie zum Guten bekehren und wieder auf den Pfad der rechten Tugend zurückführen. Der Exorzist lässt grüßen. Liest man einzig diese Zeilen, so scheint der Schluss, dass man es hier mit einem äußerst unkonventionellen, ja gar an alte verruchte Exploitation Streifen aus den 70ern zu tun haben mag, unvermeidlich.

Was zu Anfang noch als recht ungewöhnliches Filmvergnügen beginnt, mündet aber dann doch „glücklicherweise“ in ein ernst gemeintes, weniger drastisches Drama, welches im gleichen Atemzug auch so etwas wie eine Liebeserklärung an die Blues-Musik darstellen soll. Eingeleitet und auch beendet wird das Geschehen mit einem Interview von Son House, einem bekannten Blues Interpreten. Er beschreibt, wie weit diese Musik das Leben beeinflusst und gegebenenfalls auch verändern kann und was dieser Musikstil eben für die Menschheit bedeutet. Doch genau diese Behauptungen bilden schon frühzeitig Anlass zur Kritik. Das Musik diese Wirkungen auf mancherlei Personen haben mag, sei unbestritten. Doch Craig Brewer versucht sich zu harsch daran, dem Zuschauer zu suggerieren, dass der Blues ein Allheilmittel wäre gegen jede Art von Übel. Hinzu käme der unabdingbare Glaube an Gott und die Erlösung sei bereits gesichert.
Nicht religiöse Menschen könnten diese Verlautbarungen sauer aufstoßen, denn wer selbst nicht diese Art strenger Frömmigkeit teilt, der empfindet solcherlei Aussagen als nicht weniger, als puren Unsinn. Gehört man zu dieser Gruppe Mensch, ist der restliche Filmverlauf aller Voraussicht nach wohl eine einzige Qual. Denn glaubt man seit jeher lieber an Tatsachen und bewiesene Heilmethoden, so kann der Ausgang der Geschichte nur als Mumpitz empfunden werden. Brewer hätte in dieser Sache um einiges objektiver herangehen müssen und sich nicht schon zu Beginn derart offensichtlich auf die spirituelle Seite schlagen sollen, ohne dabei Rücksicht zu nehmen auf das wissenschaftsgeprägte Publikum. Wenn wir jedoch diesen Punkt einmal außer Acht lassen und man sich offen auf die Thematik einlässt, im besten Falle auch noch Sympathie dem Blues gegenüber mit einbringen kann, dann eröffnet sich dem Zuschauer ein um einiges anschaulicheres Drama. Prominente Namen sucht man bis auf die beiden Hauptakteure Samuel L. Jackson und Christina Ricci vergebens, der Film steht und fällt mit ihren Leistungen. Gerade bei letzt genanterer gilt es ruhigen Gewissens zu behaupten, das Ricci die wohl beste Leistung ihrer Karriere abliefert. Denn die Rolle der Rae ist ohne Zweifel kein einfacher Charakter.

Hin und her gerissen zwischen der Liebe zu ihrem Freund und ihrem schier unstillbar erscheinendem Verlangen nach Befriedigung gilt es einen schmalen Grat zu bewandern, ohne dabei dem Overacting oder aber auch der Lächerlichkeit zu verfallen. Mit Hilfe des routinierten Sam Jackson gelingt ihr dies meisterhaft gut und lässt durch die intensive Darstellung ihrerseits die Emotionen des Zusehers nicht unberührt. Die Qualen und all ihr Leid werden spürbar. Es gilt dabei aber auch ihrem filmischen Gegenüber Beachtung zu schenken, denn Mr. Jackson lässt Ricci ungemein viel Raum sich auszutoben und ihre Figur zu leben. Er drückt dem Film nicht seinen Stempel auf, sondern agiert enorm kommunikativ und uneigennützig – angesichts heutiger Starattitüden sicherlich nicht die Regel. Beeindruckend auch seine Gesanges- und Gitarrenkünste, der Unterschied zu einer professionellen Bluesdarbietung ist nur schwer zu erkennen. Der Titelgebende Song „Black Snake Moan“ erschafft, unterlegt mit den Gewitterklängen und dem peitschenden Regen, eine Gänsehaut erzeugende Atmosphäre, die restlichen Musikstücke bilden dabei keine Ausnahme. Angesichts dieser beiden wunderbaren Protagonisten fragt man sich dennoch was Pop-Bübchen Justin Timberlake denn hier zu suchen hat.

Es gibt doch eine derart große Auswahl an gleichaltriger, optisch im selben Maße ansprechender Kandidaten für seine Rolle, welche aber allesamt wohl mehr Talent innehaben werden, als dieser halbgare Schauspielerverschnitt. Blass, ungelenk und eben schlicht gesagt, untalentiert kommt er daher und verschuldet somit das letzte fehlende Detail, auf der ansonsten so superben darstellerischen Ebene. Wenn wir schon bei den Personen sind, so seien auch die fehlenden, feineren Ausarbeitungen des Nebencasts erwähnt. Durchweg sind dies sehr interessante Persönlichkeiten. Vor allem der Priester. Doch viele Einführungen mancherlei Akteure, so etwa die von z.B. Lazarus Ex-Frau und dessen neuen Lebensgefährten, die des kleine Jungen oder auch der Background des Kerl, welcher für Raes Verletzungen verantwortlich ist, und deren Nebenstränge werden nicht schlüssig genug weitergeführt und enden schließlich als Beiwerk. Ungerechterweise, wenn man das mögliche Potenzial betrachtet. Die Geschichte ist, so muss man sagen, auch wie sie ist sehr anschaulich umgesetzt, reizt aber leider bei weitem nicht alle Facetten aus, die denkbar wären.

Zudem kommt sie leider recht naiv daher, denn dass Rae schon nach so kurzer Zeit geheilt sein und ihren „Retter“ in solchem Maß Gefühl entgegen zu bringen vermag, wirkt ein wenig unglaubwürdig und viel zu simpel in seiner Auflösung. Auch das es Lazarus Freunde schlussendlich nicht wirklich zu rühren scheint, dass er eine angekettete Frau in seinem Heim beherbergt, zeugt von einer zweifelhafter Moralvorstellung. Brewer nimmt dies alles auf eine zu leichte Schulter. Getreu nach dem Motto, es wird schon alles gut werden. So ist auch das Ende wenig zufrieden stellen. Friede, Freude, Eierkuchen und alle sind glücklich. Die Dämonen sind besiegt, der Glaube und die Musik waren siegreich und die Verantwortlichen werden belohnt. Um nun den letzten Kritikpunkt anzusprechen, so sei auf die kindheitliche Misshandlung Raes hingewiesen. Dies und die zerrüttete Beziehung zu ihrer Mutter erscheinen äußerst viel versprechend. Doch anstatt auf den tragischen Stoff einzugehen, belässt es Brewer bei einer bloßen Erwähnung und führt die Geschehnisse nicht ausreichend genug fort.

Was genau damals passierte bleibt unklar, die gelegentlich einsetzenden Traumsequenzen helfen dabei auch nicht sonderlich weiter, um das Ausmaß, in wie weit diese Erlebnisse ihre Sucht und Lebenswandel geprägt haben mögen, nachvollziehen zu können. Er bedient sich lediglich eines simplen Aufhängers und missbraucht somit in gewisser Weise Raes Vergangenheit als schlichtes Mittel zum Zweck Das alles mag zwar schlimmer klingen, als es im Grunde ist, dennoch sind diese Mankos nicht zu übersehen und werden, je nach Haltung des Zuschauers entweder vermehrt für Unmut sorgen oder eben nicht. Der Streifen steht und fällt mit der Perspektive, mit der man ihn betrachtet. Sicherlich keine guten Vorraussetzungen, um ein Massenpublikum zu erreichen, doch zu einer Fangemeinde reicht es allemal.

Wer Bluesmusik etwas abgewinnen kann und sich nicht von einem thematisch etwas speziellerem, wenn auch später als konventionell herausstellenden Film abschrecken lässt, für den ist „Black Snake Moan“ also durchaus einen Blick wert.

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