Skip to content

Buchkritik: „Traumnovelle“ (Arthur Schnitzler)

Mai 29, 2008

Anlass, mir dieses geschichtsträchtige Werk anzueignen, war die jüngst erschienene Kritik meines Bloggerkollegen „fincher“, zu Stanley Kubricks letzter Regiearbeit, „Eyes wide Shut“: Zwar war es mir immer noch nicht vergönnt, den Film endlich einmal anzusehen, doch die literarische Vorlage zwingt mich regelrecht dazu, mir die DVD baldigst anzueignen.

Wien im 20. Jahrhundert. Der Arzt Fridolin und seine Angetraute Albertina führen ein vermeintlich harmonisches Eheleben mit ihrer gemeinsamen 6 jährigen Tochter. Doch in Wirklichkeit beherrschen die wildesten erotischen Gedanken und Vorstellungen ihre Köpfe, welche ihre Beziehung auf eine harte Probe stellen. Albertina flüchtet sich zunehmend in wilde Träumereien, in denen ihr Gatte gekreuzigt wird und sie wilde erotische Abenteuer mit ihrer Dänemark-Urlaubs Bekanntschaft erlebt. Fridolin, entsetzt angesichts Albertinas Erzählungen, macht sich auf, in eine Nacht, deren rätselhafte und schicksalträchtige Erlebnisse ihn immer mehr in ihren Bann zu ziehen und von seiner Frau zu entfernen scheinen…

Obgleich das Buch „nur“ wenige über 90 Seiten zu fassen vermag, gelang es Schnitzler eine spannende Geschichte über die seelisch-moralischen Abgründe der Menschen und dessen schwerwiegenden Folgen in der Realität, zu verfassen. Fridolin und seine wilde, nächtliche Odyssee bilden den Kern der Novelle. Auffallend ist dabei die ungeheure Detailverliebtheit, in welch virtuoser Art und Weise der Autor die Schauplätze in all ihren Facetten schildert und dem Leser in Folge dessen glasklare Bilder vor Augen führt, die einen dazu verleiten, tiefer und tiefer in die Geschichte einzudringen. In mitten des Geschehens sozusagen.

Man fühlt sich nicht nur als bloßer Betrachter, nein, man wähnt sich selbst als Teil der Handlung, als Teilnehmer, als Zeuge der Erlebnisse Fridolins. Schnitzler versteht sich hervorragend darauf, eine beinahe psychologisch anmutende Schreibweise zu präsentieren, die alle Ecken der Protagonisten bis ins letzte eingehend beleuchtet. Er erwirkt Verständnis für das zweifelhafte Tun und Handeln der Eheleute, welche in ihren erotischen Fantasien und Vorstellungen zu begründen sind. Der unstillbare Hass Fridolins, hervorgerufen durch seiner Frau Traumerzählungen, wird buchstäblich spürbar und dessen anschließendes Handeln zutiefst nachvollziehbar. Angefangen bei der Situation mit Marianne, später im Haus der Dirne, findet er sich schließlich auf dem bizarrem, beinahe grotesk anmutenden Maskenball wieder, und scheint sich immer mehr in seinen Fantasien zu verlieren und Dinge verlangen zu tun, welche ihn fortwährend immer mehr von seinem eigentlichem Ich zu entfernen scheinen. Er ist gefangen, in einem Strudel der Bitterkeit und Hassliebe zu seiner Frau, welche ihm, wie er meint, soviel Unmut bereitet. Der stupide Alltag langweilt ihn und seine Gier nach neuen Erlebnissen und Erfahrungen scheint unstillbar.

Es ist beachtlich, wie Schnitzler jene psychische Seite und Gedanken derart fesselnd an den Leser bringt und die, wenn man es überhaupt so nennen kann, Spannung, bis zum Schluss hin nicht zu verebben vermag. Ich denke, mal der Begriff „Wissbegier“ trifft es in diesem Beispiel wohl am ehesten. Wissbegier deswegen, dal die Gedanken stets darum kreisen, wie die Novelle wohl enden könnte. Findet Fridolin seine Retterin, und wenn ja, was wird dann aus seiner Ehe Und was wäre wenn seine Suche nicht von Erfolg gekrönt wäre. Könnte er überhaupt noch ein normales Leben führen. Und so weiter. Dies ist nur ein Beispiel mehr dafür, in wie weit, die Handlung aus psychologischer Sicht derart meisterhaft geschrieben wurde und sich dem geneigtem Leser somit eines der wohl wichtigsten Werke der literarischen Geschichte offenbart. Schnitzlers Klassiker funktioniert absolut zeitlos und ist auf vielerlei Situationen beliebig anwendbar. Ein Indiz dafür, dass die „Traumnovelle“ aus der Sammlung heutiger „Pflichtlektüren“ einfach nicht mehr wegzudenken ist.

Die Folgen von unausgesprochenen Wörtern und jene, wenn derer doch vielleicht einmal den Mund verlassen sollten und auf Unverständnis des Gegenübers treffen, bilden ferner eine gedanklich äußerst tiefsinnige Aussage. Und das nicht nur für Ehe-Leute.

Advertisements
One Comment leave one →
  1. Mai 29, 2008 8:02 pm

    Ich habe die „Traumnovelle“ gelesen, nachdem ich mich intensiver mit „Eyes Wide Shut“ beschäftigt hatte. Mir hat die literarische Vorlage ebenfalls sehr gut gefallen.

    Was ich sehr interessant fand, sind die wenigen – aber nicht unwesentlichen – Änderungen die Kubrick vorgenommen hat, und so die Intention der Geschichte in Teilen verändert.

    Aber das wirst du selber sehen, wenn du du dann ja, hoffentlich in Bälde, den Film selbst gesichtet hast. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: