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DVD-Kritik: „3:10 nach Yuma“ (USA 2007)

Juni 2, 2008

Der Western gilt ja gemeinhin als tot. Woher diese Behauptung stammt, vermag ich nicht zu verstehen. Denn obgleich die Menge der jüngst erschienenden Titel sich zwar nicht als zahlreich bezeichnen kann, so haben doch einige gelungene Genre-Vertreter in den letzten Jahren die Filmstudios verlassen und eben für mehr oder minder finanziellen Erfolg gesorgt. Das diese Spezies Film nicht allein in der Hand der Amerikaner liegt, das bezeugte ja vor nicht allzu langer Zeit der australische Ableger „The Proposition“. Dennoch haben die Cowboys ihre Wurzeln ganz klar in den USA. Seit mehr als 90 Jahren nun schon sind sie auf der Bühne vertreten und begeisterten vor allem in den 40ern und 50ern die Massen. Blickt man in die Gegenwart, so ist die Begeisterung merklich verebbt und nur noch wenige Filmfreunde wissen diese und neue Werke zu schätzen. Obgleich die Definition Kassengift wohl jeder neuzeitlichen Western-Produktion im Wege steht, schaffen es dennoch stets aufs neue einige Filme auf die große Leinwand. So war 2007 ein gutes Jahr, denn mit „The Assassination of Jesse James by the Coward of Robert Ford“ (was für ein sperriger Titel) und „3:10 to Yuma“ standen gleich zwei Neuerscheinungen Spalier und mussten sich den hohen Erwartungen von Publikum und Kritikern gleichermaßen stellen. Wenngleich der Jesse James Ableger eher an ein im Westernsektor angesiedeltes, intensives Drama erinnert, so bietet das Remake von „Zähl bis drei und bete“ ein eher nach klassischen Strickmustern gefertigtes Cowboyvergnügen mit allerhand Schießereien, Staub und Pferden.

Für den in New Mexiko gedrehten Film zeichnet sich kein geringerer aus, als der spätestens durch seine exzellente Johnny Cash-Biopik berühmt gewordene James Mangold. Liest man seine Filmographie, sticht vor allem dessen vielfältiges Spektrum an Arbeiten auf, welche jeweils unterschiedlicher nicht sein könnten. Seine Anweisungen befolgen Oscargewinner Russel Crowe, Batman Begins-Star Christian Bale, „Captain America“ Peter Fonda und Ben Foster, welcher insbesondere durch seine Arbeit in diesem Film wohl so einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben mag. Näheres dazu später. Im übrigen gilt es noch zu erwähnen, dass sich der Film auf die gleichnamige, im Jahre 1953 erschienene Kurzgeschichte von Elmore Leonard bezieht, auf die nur 4 Jahre später die filmische Adaption von Delmer Davis folgte. Wenden wir uns nun aber erst einmal dem Inhalt zu.

Kriegsveteran Dan Evans ist ein armer, vom Pech verfolgter Rancher. Erst verlor er sein Bein im Krieg, die Schulden scheinen ihn zu erdrücken und zu allem Übel hält sein ältester Sohn Papa für einen schlaffen Feigling. Der Bandit Ben Wate scheint zugegen das genaue Gegenteil zu sein. Mithilfe seiner Bande gelingt ihm ein Raubcoup nach dem anderen und der Erfolg bei den Frauen scheint ihm Gewiss. Letzteres wird ihm zum Verhängnis, als er sich kurz nach einem Kutschenüberfall in die Arme eines Weibes begibt und daraufhin von einer Meute Revolverhelden gestellt wird. Dabei ist auch Dan Evans. Dieser tut sich bereit erklären bei der folgenden Überführung mitzuhelfen und Wate befehlsgemäß in den 3:10 nach Yuma zu setzen. Das Bens Bande die Gefangennahme ihres Bosses natürlich nicht einfach so hinnimmt scheint selbstverständlich. Eine wilde Hetzjagd entsteht, die im Städtchen Contention seinen unvermeidlichen Showdown finden wird…

Eines lässt sich schon vorweg sagen. Mangolds jüngste Regiearbeit ist einer der besten Filme infolge der Westernveröffentlichungen in den letzten Jahren. Warum das so ist, nun, dafür gibt es vielerlei Gründe. Nehmen wir zu aller erst einmal die Inszenierung des Ganzen. Für einen Streifen dieser speziellen Gattung gibt es ja seit jeher gewisse Rahmenbedingungen, die erfüllt werden müssen um der Bezeichnung eines Western überhaupt gerecht zu werden. Insbesondere der Location gilt dabei das Hauptaugenmerk, denn was wäre denn ein Cowboy-Film ohne Prärie, weites Land und staubig-trockenen Städtchen inmitten im Nirgendwo. Alles drei ist vorhanden und entsprechend opulent anzusehen. Schweift der Zuschauer mit seinen Augen immer mal wieder ein wenig in Richtung des Außenrums ab, dann ist das ein wahrlich gutes Zeichen für die hervorragende Arbeit der Macher. Die Grundstimmung ist sehr harmonisch und lässt den Film sehr ausgewogen erscheinen, verleiht dem Ganzen sozusagen einen atmosphärischen Ton und lässt die Handlung um einiges intensiver wirken. Die gängigen Genreklischees wie guter Cowboy, böser Cowboy fanden lobenswerter Weise so gut wie keine Verwendung, zumindest wenn man von den Hauptprotagonisten ausgeht. Auf jene typische Schwarz-Weiß Charakterisierung klassischer Werke hat man zugunsten vielschichtigerer Personen verzichtet, ein großes Plus also für die Tiefenwirkung des Filmes, der damit lobenswerter Weise nicht zur Oberflächlichkeit verdammt wird.

Crow und Bale liefern dabei ein darstellerisches Glanzstück ab. Besitzt Bales Charakter so gut wie keine sonderliche Veränderung, erscheint dabei Russels filmischer Ego Ben Wade umso ambivalenter. Mit Sicherheit ein eiskalter Killer, steckt doch so etwas wie Moral und Anstand in ihm. Oder besser noch: Er honoriert die Taten andere, ohne dabei sich zu einem egozentrischen Selbstdarsteller zu erklären. Sein oftmals sanftmütig dreinblickendes Erscheinungsbild trügt dabei aber eben leider über dessen inneren Kern, den eines brutalen, unbarmherzigen Postkutschenräubers und Mörders, hinweg. Er lebt das Leben, welches sich Wades Sohn vielleicht wünscht. Ja, für welches er sogar sympathisiert und den Banditen somit als unmittelbaren Kontakt zu diesem ansieht. Unabhängig, mutig, stets die Taschen voller Geld und der gute bzw. prestigeprächtige Ruf eilt einem voraus.

Er erkennt wie unterschiedlich sein Vater und Wade doch sind, wie schwach Evans anfangs noch erscheint, der arme Krüppel, der nicht einmal Frau und Kinder ernähren kann. Wade hingegen mag den Familienvater und lässt nichts unversucht, ihn in gewisser Weise für sich und somit seine Flucht zu gewinnen. Doch gen Ende, als er schlussendlich alleine dasteht, mit seiner todbringenden Bürde, ergreift Dan Evans der Ehrgeiz, der Mut und die Courage, die er vorher nie besaß, seinen Auftrag auszuführen. Zum einen um sich, zum anderen um seinen Sohn zu bestätigen, das dessen Vater doch zu mehr imstande ist, als dem erfolglosen Bewirtschaften einer Ranch.

Mangold konzentriert sich sichtlich auf diese beiden Personen und lässt sie mit fortlaufender Spielzeit in zunehmend andere Lichter rücken. Sympathien schwanken hin und her wie der staubige Wind der Prärie und es fällt nicht leicht zu sagen, ok, Wade ist der Böse, lasst ihn sein gerechtes Schicksal ereilen und der Rancher soll heil zuhause angekommen und glücklich leben bis ans Ende seiner Tage. Mitnichten wird es dem Zuschauer so einfach gemacht. Weniger Schwierigkeiten bereiten dabei aber die Nebenrollen, d.h. Wade und Evans „Gefolge“. Die Gauner bestehen aus klischeehaften Stereotypen, von jeder Spezialistensorte einer und selbst Evans Familie erfüllt so manche Voreingenommenheit eines Zuhauses, für das es sich wohl zu kämpfen lohnt. Kranker Junge, hübsche Ehefrau und aufmüpfiger Sohn. Nun, dabei lässt sich dem Film zu Gute halten, dass der Western allgemein in seiner langwährenden Geschichte nur äußerst selten über diese festgefahrenen Muster hinaus kam und man es in diesem Beispiel gar als gewollt ansehen kann bzw. muss. Einen Namen jedoch gilt es ferner dem Darstellereinheitsbrei besonders hervorzuheben, Ben Foster. Dessen wahnwitzig psychotisches Schauspiel regt deutlich zu Begeisterungsstürmen an. Jede Bewegung von seiner Seite, jedes Wort kommt ungemein intensiv und angsteinflößend herüber und lässt keinen Zweifel an seiner eiskalten Seele. Doch trotz allem Sadismus ist er ein treuer Anhänger Wades und achtet diesen als seinen Boss, sozusagen die perfekte Killermaschine, welche sich jede Diebesband des Westens sicherlich immer wünschte.

Begeben wir uns nun einmal zum nächsten wichtigen Punkt. Wie jeder weiß, besitzt wohl jeder bekannte Western ein stimmiges Theme, welche Kenner schon nach wenigen Takten erkennen lässt, wohin es wohl gehören möge. Der Wiedererkennungswert von Musikstücken im Westerngenre ist gemeinhin als äußerst hoch einzustufen. Und das ungeachtet ihr oftmaligen Schlichtheit und den einfach gehaltenen Rhythmen. Demzufolge bildet der Todeszug nach Yuma dabei natürlich keineswegs eine Ausnahme und bietet neben den optischen Schauwerten auch so einiges für die Ohren. Die instrumental-musikalischen Stücke werden meist von der Gitarre oder anderen, für damals gängigen Instrumenten dominiert, was zur Folge hat, dass ein wahrlich schöner, metallisch und staubig-dreckig klirrender Sound entsteht, der das Geschehen aufs perfekteste hin zu untermalen weiß. Auch hierbei haben die Verantwortlichen also saubere Arbeit geleistet. Dennoch besitzt der Film ein ganz gewaltiges Manko bezüglich der Ausgestaltung des Drehbuches. Narrativ gesehen, gibt es bis zum Ende des zweiten Drittels nichts auszusetzen. Tempo und Handlungsfortschritt bieten ein sauberes Zusammenspiel und lassen den Verlauf ungemein flüssig erscheinen. Keine Szene scheint unnötig oder deplaziert, selbst die eine oder andere Erweiterung hätte sicherlich nicht geschadet, um das Ganze noch etwas mehr auszubauen.

Aber was spätestens um 3:00 Yumaer Ortszeit losgetreten wird, sorgt erst einmal für ungläubige Mienen vor den Bildschirmen. Ein Showdown gehört ohne Frage in jeden Western, gerne auch sehr ausgedehnt. Aber den Zuschauer als blöd zu verkaufen, das geht gar nicht. 10 Minuten lang verfolgt man einen wilden Lauf von Wade und Evans quer durch die Stadt, über Häuserdächer und an Verschlägen vorbei, bis hin zum errettenden Bahnhof. Das zuvor die halbe Stadt gegen sie aufgebracht wurde und es wirklich keiner der Bösen schafft, die beiden während ihres Marathons zumindest sichtlich anzuschießen oder ernsthaften Widerstand zu leisten, grenzt schon an absoluter Unfähigkeit. Die gekauften Schützen verkommen als infantile Schießbudenfiguren, nicht in der Lage wenigstens eine Kugel richtig setzen zu können.

Was in „Open Range“ noch Realismus war, ist hier einfach nur unzureichende Arbeit der Macher. Den letzten Rest geben einem dann die Buddymovie-Einlagen, als Wade auf einmal alles daran setzt Evans zu helfen, den Respekt seines Sohnes zu erlangen. Gewiss, so auch schon obig angesprochen, besitzt Wade sicherlich auch eine menschliche Seite, dennoch wirkt diese seelische Umwandlung unglaubwürdig und viel zu unverständlich in ihrer plötzlichen Umsetzung. Und als ob das nicht genug wäre, schießt der Bandenboss selbige gen Ende allesamt über den Haufen. Dabei haben sie nichts anderes getan, als ihn befreien zu wollen, so also dann er Dank dafür. Mangold verzwickt sich in seiner Schlussviertelstunde in diesem unlogischem Geflecht aus Übertreibung und Sinnlosigkeit, welches den Zuschauer angesichts der unerklärlichen Geschehnisse sehr betröpelt zurücklässt. Steigerungen hin oder her sind keine Frage etwas feines, aber vor allem in diesem stets von Realismus geprägten Genre sollte man vielleicht nicht zu arg versuchen noch unbedingt einen drauf zu setzen. Die Authenzität ist dann nämlich dahin und die Stimmung verpufft im obligatorischen Sonnenuntergang. Und noch zum Schluss eine witzige Anekdote für den Beweis, dass die Studios sicherlich nicht am Hungertuch nagen werden. Wer sich Luke Wilson für eine Screentime von nicht einmal 5 Minuten leisten kann, für eine Rolle, für die vor 50 Jahren noch ein paar arme, unterbezahlte Mexikaner herhalten mussten, der hat es wirklich dicke, vielleicht sogar zu dicke.

„3:10 to Yuma“ hätte ein perfektes Stück Westerngeschichte werden können, doch aufgrund der herben, finalen Drehbuchschnitzer langt es eben nur zu einem sehr gutem Cowboy-Erlebnis, welches auch ungeachtet dieses Mängels sicherlich genügend Fans erreichen wird, aber eben leider dennoch viel zu viel Potenzial verschenkt.

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3 Kommentare leave one →
  1. Juni 3, 2008 6:54 pm

    Sehr sehr schönes Review! Wie bei WAR wird sich meines in bälde an Deins anschließen 😉

  2. Juni 4, 2008 1:09 pm

    Unrealistisch sind Schusswechsel dann, wenn die eine Seite ständig trifft, die andere Seite aber nie. Das schönste Duell in einem Western ist der erbärmliche Schusswechsel in «Wyatt Earp», bei dem die Gegner nur wenige Meter voneinander entfernt stehen, einer davon aber ein Pferd trifft. Das trifft die Realität vermutlich sehr nahe.

    Über das kontroverse Ende und das Budget spricht Mangold übrigens auf dem hörenswerten Audiokommentar. Einige Opfer mussten sich gleich mehrmals erschiessen lassen. 🙂

  3. Juni 4, 2008 1:21 pm

    @ Kaltduscher: Vielen Dank für das Lob 🙂 . Bin schon auf sehr auf deine Eindrücke gespannt.

    @Thomas

    Ja, da stimme ich dir absolut zu. Es gibt nichts unrealistischeres in einem Western, als wenn jeder Schuss sitzt. Und die angesprochene Schießerei in „Wyatt Earp“ ist ein sehr realistisches Beispiel dafür, wie es damals wohl wirklich zuging. Nur ist es bei Yuma eben so, siehe Revolverheld Wade und auch alle anderen, das die Teilnehmer der anfänglichen Schusswechsel so ziemlich alle ins schwarze treffen. Aber gen Ende auf einmal scheinen den Cowboys die Fadenkreuze ausgegangen zu sein und selbst Charlie vermag, auser bei den im Gunde „unschuldigen“ Cowboys, keine Kugel in Richtung Evans richtig zu setzen. Das wirkt eben im Gesamtkontext etwas unlogisch. Ansonsten habe ich an diesem Faktor überhaupt nichts auszusetzen. Nur war dieses Detail eben sehr auffallend. Aber den von dir empfohlenen Audiokommentar werde ich mir wohl mal anhören müssen die nächste Zeit. Vielleicht bin ich danach schlauer 🙂 .

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