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DVD-Kritik: „Zähl bis drei und bete“ (USA 1957)

Juli 26, 2008

Wer denkt, dass sich James Mangold 2007 mit „3:10 to Yuma“ hat etwas Neues im Westernbereich einfallen lassen, der irrt. Bereits vor über einem halben Jahrhundert, genau genommen 1957, wurde die Geschichte um Ben Wade und Dan Evans das erste Mal verfilmt. Basierend auf der 1953 veröffentlichen Kurzgeschichte „ Three-Ten to Yuma“ von Elmore Leonard, verfolgten die Kinogänger schon damals die folgenschwere Überführung des Verbrechers in das kleine Städtchen Contention, wo er in den 3:10 nach Yuma gesetzt werden sollte und dort seine gerechte Strafe, einen langen Gefängnisaufenthalt, in Empfang nehmen sollte. So weit so gut, wie man unschwer erkennen kann, gleichen sich die beiden Storyblöcke vom Kern her wie ein Ei dem anderem.

Dennoch finden sich einige kleine Details wieder, die den beiden Versionen jeweils einen etwas anderen Schliff verpassen und diverse Vorkommnisse anders gewichten, als es Remake oder auch das Original tun. Da wäre zum Beispielt der tiefgründige Vater-Sohn Konflikt, welcher in Mangolds Adaption eine sehr grundlegende Rolle spielt, in der alten Fassung jedoch gänzlich nicht vorhanden ist. Dann, während Wade im Zuge eines unfähigen Gangmitgliedes diesen und einen Kutscher erschießt, findet diese moralisch zweifelhafte Aktion im Yuma von 2007 bis auf einen kurzen Moment keine weitere Ernennung mehr. Betrachtet man die 57er Version, so sind die Folgen dieser Tat noch stark im weiteren Handlungsverlauf vertreten. Sei es durch dramaturgischen Einsatz eines Totenzuges für den Verstorbenen, oder das Wade beinahe vom Bruder des Kutschers ermordet wird. Der größte Unterscheid wird jedoch sein, dass Delmer Daves gänzlich auf die eigentliche Überführung zwischen beider Städtchen verzichtet.

Mit nur einem einzigen Schnitt sind die Protagonisten bereits an ihrem Ziel angelangt, bei Russel Crowe und Konsorten wurde dieser Zeitabschnitt sehr akzentuiert und detailliert entworfen. In Anbetracht der gut skizzierten Charaktere und deren Entwicklung und gegenseitigen Beziehungen zueinander im Laufe der Spielzeit, ein großer Pluspunkt für Mangold. Er lässt sich mehr Zeit der Geschichte psychologische Tiefe zu verleihen. Daves gelingt dies zwar auch im Ansatz, doch für mehr ist die Spieldauer eindeutig zu kurz geraten. Natürlich gibt es auch unzählige Gemeinsamkeiten beider Fassungen, welche zuweilen schon etwas belustigend erscheinen. Denn das Mangold vollständige Dialoge und Textpassagen eins zu eins übernommen hat, ist entweder seines Einfallslosigkeit zu verdanken oder aber spricht für die Klasse des Vorgängers, dass diese über 50 Jahre alten Dinge auch heute noch Verwendung finden können – also absolut zeitlos sind. Ferner sind natürlich so ziemlich die gleichen Personen bei beiden Filmen vertreten. Einzig deren Berufen, Erscheinungspunkten in der Geschichte und diversen kleineren Feinheiten sind Änderungen widerfahren.

Nun gut, „ Der Todeszug nach Yuma“ ist ja auch ein Remake, daher lieber gut von der Vorlage adaptiert, was eigentlich ja auch im Sinne einer Neuverfilmung sein sollte, als misslungen selbst neu erfunden. Erstaunlich jedoch ist für „Zähl bis drei und bete“, die für damalige Verhältnisse ungewohnt ambivalent moralische Inszenierung. Es fehlen die traditionellen amerikanischen „Schwarz-Weiß-Muster“. Guter Cowboy und böser Cowboy gibt es hier nicht. Denn Wade ist viel mehr als ein einfacher Bandit oder Gauner. Vereinigt werden Eigenschaften wie Anstand, der Glaube an Rechtschaffenheit und ein großes Ehrgefühl, ebenso aber ist er manipulativ, zynisch, sehr gewieft und weis die Sympathien auf sich zu ziehen. Würde nicht ein bis zweimal sein gewalttätiges Ego durchbrechen, wäre seine Rolle der beachtenswerten Identifikationsfigur für den Zuschauer wohl unantastbar. Diese Zwiespältigkeit ist es auch, welche Evans es bisweilen so schwer macht, seinen Auftrag durchzustehen, denn im geht es ja nur darum seine 200 Dollar zu verdienen, sodass er endlich wieder die Möglichkeit hat sein Vieh vor dem verenden und somit gleichzeitig die Familie vor dem Hungertod zu bewahren. Erst als gegen Ende seine Frau in Contention erscheint und versucht ihren Mann von seinem Vorhaben abzubringen, gesellt sich zu seinem Geldwunsch noch etwas anderes hinzu: Der Kampf für seine Ideale und Gerechtigkeit. Seine Kinder sollen sagen können, dass es ihr Vater war, der als alle anderen gekniffen haben, Ben Wade in den Zug gesetzt hat. Von den darstellerischen Leistungen her, stehen Glenn Ford und Van Helfin ihren neuzeitlichen Pendants also in nichts nach.

Einzig eventuell Bale porträtiert den vielschichtigen Charakter Evans etwas ausgefeilter, doch ist dessen Rolle aber bei Mangolds Version noch eine Schippe komplexer ausgefallen, als beim Vorgänger. So relativiert sich das Ganze dann ein wenig. Auf narrativer Ebene ist Delmer Daves Adaption eindeutig kurzweiliger geraten, muss aber dennoch in Sachen Substanz und Tiefe unerwartet wenig Abstriche machen. Auch passt die Genrebezeichnung „Western“, mal abgesehen vom Szenario, eher weniger zum Film, denn der Actionanteil respektive die Schießereien und typische Genreelemente halten sich dezent im Hintergrund. Ferner ist die Bezeichnung eines an typische Hitchcock Inszenierungen erinnernden nervenzerfetzenden Kammerspiels wohl am treffendsten. Zudem ist die musikalische Begleitung hervorragend ausgestaltet, was in großen Teilen aber auch Frankie Lanes titelgebenden Song „The 3:10 to Yuma“ zu verdanken ist. Dieser hätte durchaus auch 2007 seine Verwendung finden können.

Allen denen Mangolds Version zusagt, dem sei auch „Zähl bis drei und bete“ tunlichst ans Herz gelegt. Dieser kommt überraschender Weise weniger 50er Jahre typisch daher, als er als spannender, gut gespielter und unterhaltsamer Thriller in einem Westerngewandt zu überzeugen weis.
Vor allem der Schluss fällt hier positiver Weise ungemein runder, ja zum Kontext des Filmes geradezu prädestiniert aus und zeigt somit eine absolut schlüssige Möglichkeit auf, wie Mangold sich dem kruden Finale seiner Regiearbeit hätte entziehen können. Und von der schwarz-weißen Optik mal abgesehen, sind die visuell eingesetzten Mittel, speziell einige gekonnte Kameraeinstellungen und diverse Spielereien mit Licht und Schatten
sehr ansehnlich. An Ben Forsters phänomenale Leistung kommt sein Vorgänger, ja auch im Jahre 1957 war dieser Charakter im Film, aber leider nicht heran .

Zu verdanken ist dies aber sicherlich der bei ihm auffallend dezent agierende Kamera, welche sich von seiner Person oft weit entfernt befindet und somit den Fokus klar auf Wade und Evans behält, dessen Darsteller Glenn Ford und Van Helfie dem Film ihren Stempel aufdrücken. Ein kongeniales Duo, dessen Kampf mitreißender nicht sein könnte und den Vergleich gegen ihre Schauspiel-Vertreter von 2007 nicht zu scheuen braucht.

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2 Kommentare leave one →
  1. Juli 27, 2008 6:22 pm

    Herzlichen Glückwunsch! Dein Review liest sich besser als ich den Film in Erinnerung hatte. Zumindest das Remake, welches ich doch sehr schwach fand. Vom Original kenne ich nur das Ende, welches ich jedoch gelungener als beim Remake erachte (du sprachst es ja auch an). Da du bereits dem Remake eine relativ hohe Bewertung gegeben hast, sind beide Filme in etwa auf demselben Level einzuordnen. Daher – du mögest es mir verzeihen – nehme ich deine 9/10 hier mal nicht sehr ernst (in Bezug auf meine eigenen Erwartungen). Einen Blick wäre der Film sicherlich wert, vielleicht mal, wenn er im Fernsehen läuft.

    Andere Frage: hast du dieses coole Holzbox-Set abgestaubt? Die Verpackung ist nämlich große Klasse 🙂

  2. Juli 28, 2008 2:38 pm

    Jups, habe dieses tolle Holzbox-Set 🙂 . hatte ich damals (gücklicherweise) vorbestellt, war ja recht schnell vergriffen. Naja eigentlich kaufe ich mir so ziemlich alles, wa sim Westernsektor so neues raus kommt, bin eben nen Cowboy und Indianer-Fan 😛 . Und ich muss sagen, nachdem ich das Original jetzt gesehen habe, würde ich das Remake vielleicht sogar noch ein wenig abwerten. Einfach weil ich gemerkt habe, was das Vorbild eben viel besser gemacht hat, und eben aufgrund dessen auch interessanter/runder/ausgewogener rüberkommt. Schwanke derzeit so ein wenig zwischen 7/10 – 7,5/10. Keine große Differenz zwar, aber immerhin 😛 .

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