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DVD-Kritik: „Die glorreichen Sieben“ (USA 1960)

August 29, 2008

Akira Kurosawas Filme gehören heute zur klassischen Elite des Asia-Films und begeistern Fans rund um den Erdball. Aber bereits schon in den 60ern machte sein Epos „Die sieben Samurai“ auf sich aufmerksam – unter anderem bei Regisseur John Sturges. Diesem gefiel das Werk seines fernöstlichen Regiekollegen so gut, dass er es selbst in einer eigenen Variante verfilmen wollte. Und wie sollte es zu diesen Zeiten anders sein, als aus der interessanten Thematik eines Western zu erschaffen. Einen Western, der nach seinem Erscheinen Geschichte schreiben sollte, als einer der besten Genrevertreter aller Zeiten. Doch beginnen wir lieber erst einmal am Anfang. Als Sturges 1960 die Arbeit aufnahm, hatte er ein nach heutiger Kenntnis äußerst renommiertes Darsteller-Ensemble um sich versammelt. Namen wie Yul Brynner, Eli Wallach, Steve McQueen, Charles Bronson, James Coburn, der deutsche Horst Buchholz, Robert Vaughn und Brad Dexter klingen wohltuend in den Ohren wieder und versprechen mal salopp dahingesagt, nichts anderes als einen verdammt guten Film. In Wirklichkeit waren bis auf Yul Brynner und Eli Wallach alle anderen noch unbeschriebene Blätter, für die ihre Rollen als Sprungbrett für große internationale Karrieren dienen sollten. Allen voran Steve McQueen machte später seinen Weg und verstarb mit 50 Jahren leider viel zu früh an einem Herzstillstand nach einer OP, die ihn eigentlich von seinem Krebsleiden heilen sollte. Für die musikalischen Aufgaben zeigte sich außerdem noch Elmer Bernstein verantwortlich. Die personellen Weichen waren gestellt, nun galt es diese nur noch so gut wie möglich zu verwenden, denn wie der geneigte Filmfreund weiß, mach(t)en bekannte Namen allein noch nie einen guten Film aus. Die Geschichte um die sieben Cowboys ist dabei noch recht solide und von einem viel versprechenden, aber mitnichten revolutionären Sujet geformt, dass wie es vorerst scheinen mag, keineswegs sonderlich viele Überraschungen bereithalten wird.

Ein mexikanisches Dorf wird immer wieder auf neue von dem tyrannischen Bandenchef Calvera (Eli Wallach) heimgesucht. Die unfreiwilligen Abgaben von Ernte und anderen Dingen erschweren ihr Leben in einem solchem Maß, dass deren weitere Existenz gefährdet ist. Doch da sie keine Ahnung vom Kampf, geschweige denn von Schusswaffen haben begeben sie sich zur Grenze um sich dort selbige anzueignen. Doch stattdessen treffen sie auf den Meisterschützen Chris, der sich bereit erklärt, obgleich die versprochene Entlohnung nicht der Rede wert ist, eine schlagfertige Truppe auf die Beine zu stellen und mit seinen Männern Schutzdienst für das Dorf zu leisten. Nach und nach füllt sich die Truppe mit talentierten Persönlichkeiten und gemeinsam ziehen sie los, den armen Mexikanern Hilfe zu leisten und sie dabei auch noch kampfestauglich auszubilden. Doch Calveras Ankunft hat nicht mehr lange auf sich zu warten…
Ist also sehr simpel das ganze und worauf es hinauslaufen wird, nämlich einen groß angelegten und möglichst bleihaltigen Showdown, dürfte jedem klar sein. Eben ein Western, nicht mehr und nicht weniger. Doch halt, so einfach lassen sich „Die glorreichen Sieben“ dann aber auch wieder nicht abstempeln. Denn die typischen Westernklischees werden dann doch nicht in den Ausmaßen bedient, wie man vielleicht befürchten sollte. Sturges distanziert sich merklich von der 50er Jahre gängigen „weiß-reinen“ Mache, die das Genre lange Zeit beherrschte. Eintrittswunden der Kugeln werden genauso gezeigt, wie das ganze Setting einer „Mach schmutzig-Generalüberholung” unterzogen wurde. Triste Farben, dreckiger Look und glanzlose Helden erzeugen so etwas wie die Brücke zwischen den später groß aufspielenden Italowestern und klassischen Werken. Von beiden ist ein Teil vorhanden und hält sich so ziemlich die Waage. Traditionell ist die „Gut gegen Böse-Geschichte“, bei der die Mexikanerfreundliche Partei diesen natürlich postwendend zu Hilfe eilt und dabei ihrer sonst so als Treibfeder dienenden Geldgier keine Beachtung schenken. Weniger konservativ ist die Tatsache, dass alle sieben, lasterhafte Revolverhelden sind, die sich ihren Lebensunterhalt per Raub, Schießereien und Glücksspiel sichern. Der Schutzauftrag bietet so etwas wie die Möglichkeit zur Besserung, um einmal in ihrem Leben etwas sinnvollen tun zu können. Nun, an Pathos scheint es nicht zu mangeln, dennoch nimmt man dem Film seine „Einfältigkeit“ nicht übel. Andere Zeiten, andere Moralvorstellungen – so einfach ist das eben (leider) und daher darf man Sturges auch keinen Vorwurf machen.

Andere Regisseure gingen da noch um einiges naiver ans Werk. Umso erfreulicher hingegen ist seine narrativ sehr stringent wirkende Art zu drehen. Wie sonst auch, verzichtet der auf großartiges Tamtam und vielerlei Spielereien, sondern verlässt sich ganz auf seine Schauspieler. Sie sollen das Geschehen bestimmen und ihnen Leben verleihen. Keine ungewöhnlichen Kamerafahrten, keine besonderen Stilmittel – nur die Klasse des Mannes zählt. Das genaue Gegenteil von zum Beispiel John Fords Art zu drehen also, da dieser sich zu großen Teilen stets auf die Aufnahmen und entscheidende Blickwinkel stütze und diesen die Vorherrschaft in seinen Filmen ließ. Doch bei dem Aufgebot an Stars, die allesamt mehr als fähig erscheinen, ist Sturges Entscheidung wieder einmal mehr als weise. Gleichwohl verliert der Erzählfluss allerdings, bedingt durch den klaren Fokus auf die Personen, bisweilen ein wenig an Fahrt. Denn die großen Anzahl von Protagonisten nicht berücksichtigend, gewährt Sturges jedem von ihnen (zu) viel Zeit, um sich und seine Rolle angemessen vorzustellen und seinen Beitrag zur Handlung deutlich zu machen. Dem ungeachtet, wird unverständlicherweise auf eine ausführlichere Besprechung der Vergangenheiten der Revolverhelden leider verzichtet. Sicher, kann man sich so vielen selbst denken, aber vor allem bei Chris, dem komplexesten Charakter im Film, hätten ruhig ein paar mehr der Details eingebaut werden können. Eben einfach nur, um schlicht ein besseres Verständnis entwickeln zu können. Aber ansonsten überzeugt der Oscargewinner Yul Brynner natürlich ebenso, wie auch die restliche „glorreiche“ Truppe. Man spürt richtig das Feuer, das zwischen den einzelnen Akteuren gebrodelt haben muss, da sich jeder besonders hervortun und die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte. Ferner hatte Eli Wallach, als der böse Antagonist schon einmal erste Gelegenheit Erfahrungen zu sammeln, für seine spätere Paraderolle in „Zwei glorreiche Halunken“, macht aber auch hier schon eine sehr gute Figur. Seine Rolle des Calvera fällt aber dieses Mal einer mangelnden Skizzierung zum Opfer – gerade aufgrund seiner beinahe ambivalenten Persönlichkeit fehlt der letzte Feinschliff, um den Charakter dieses undurchschaubaren Mannes näher verifizieren zu können.

Dann liese sich vielleicht auch der spätere Verrat in den eigenen Reihen plausibler erklären, denn das obschon die Dorfbewohner einen solchen Sieg davon getragen haben, immer noch ein Teil ihrer derart verängstigt und unterwürfig zu sein scheint, vermag zwar verständlich, dennoch aber nicht hinreichend untermauert. Da scheint es sich die Crew zu einfach gemacht zu haben, um an dieser zentralen und vor allem wichtigen Stelle die Geschichte plausibel fortführen zu können. Das darauf folgende und wieder hervorragend in Bild gesetzte Feuergefecht weis dann aber einmal mehr in vollem Maße zu überzeugen. Hervorhebenswert ist aber auch auf alle Fälle die tiefgehende Behandlung der Psychen der Männer. Zu leben, immer mit der Angst im Kopf eines Tages vom Glück verlassen zu werden und seinen Meister im Duell zu finden, das ist ein Gedanke der vor allem Lee (Robert Vaughn) schwer zu schaffen macht. Symbolisch dafür sei der eindrucksvoll inszenierte Albtraum genannt, welcher unverfälscht den von Angst und Selbstmitleid erschütterten Geist ans Licht bringt. Augenscheinlich steht er mit seinen Problemen alleine da, doch im Laufe der Handlung wird deutlich, das auch Chris (Yul Brynner) und Vin (Steve McQueen) nicht davon verschont sind. Zwar weniger drastisch, aber auch sie sind ihres unruhigen Daseins müde. Der Wunsch nach einer festen Anstellung, Familie und Kindern, ist vorhanden, wirkt aber unerreichbar. Zwar haben sie so einiges in ihrem Leben vollbracht, doch im Grunde nichts, worauf sie stolz sein könnten. Die beiden machen sich ernsthaft Gedanken über den Sinn und werden nicht, wie augenscheinlich vermutet, der Rest der Truppe vom Spaß am Töten, des Geldes oder der Selbstbestätigung Willens getrieben. Selbst die „Söldner“ besitzen Prinzipien und ihr wahrer Charakter kommt nach und nach immer mehr zum Vorschein. Alle sind sie gestandene und harte Männer, doch in ihrem tiefsten Inneren sehnen sie sich nach Geborgenheit, Sicherheit und Liebe. Wenngleich die, ihre jeweiligen unterschiedlichen Typen betreffend besetzte Gruppe unoriginell erscheinen mag, so steckt entgegen dem ersten Eindruck viel mehr Tiefe in den Charakteren, als es vorerst den Anschein hat. Hierbei wird wieder einmal mehr deutlich, inwiefern Sturges sich vom klassischen Personenbau entfernt hat, denn solch eine komplexe Darstellung der Helden hatte in den 40ern und 50ern wahren Seltenheitswert.

Die Moral von der Geschicht ist dann auch wieder ganz verquer gegenüber den alten Genrewurzeln: Nicht die siegreichen Beschützer sind am Ende die wahren Gewinner, sondern die armen Farmer. Verlieren konnten die tapferen Männer nichts, doch für die Bauern ging es um ihre pure Existenz. Durch ihren Mut und Einsatz sicherten sie sich und ihren Angehörigen wieder ein besseres Leben, fernab der Angst genötigt und ausgenutzt zu werden. Sie wussten wofür sie kämpften, doch für was stritten die Sieben? Wohl aus dem noblen Grund einmal das richtige tun zu können und etwas zu vollbringen, das Früchte tragen wird und nicht am Friedhof auf dem Hügel begraben werden muss. Die Wende war also eingeläutet und der klassische Western, so wir eh er jahrzehntelang vorherherrschte musste sich neuen und mit Sicherheit realitätsnäheren Änderungen hingeben – der strahlende Held, der sein Tun niemals hinterfragte und stets auf sich beharrte galt von nun an der Vergangenheit an. John Sturges verewigte sich mit seinen moralisch ungemein wertvollen „Glorreichen Sieben“ zu Recht in den Analen des Amerikanischen Western-Genres. Auch wenn die Idee nur geklaut gewesen sein mag, was einen kleinen bitteren Beigeschmack hinterlässt, so spricht die geschichtsträchtige Umsetzung dennoch für sich. Des Weiteren machen auch die hervorragend komponierte Filmmusik und die phantastischen Landschaftsaufnahmen einen ansprechenden Eindruck, der sich in die übrige Begeisterung fugenlos einzufügen vermag. Die minimalen Fehler im Handlungsfluss und der Charakterzeichnung können dieser nur noch die Euphorie der Vollkommenheit verwehren. Dies gelang acht Jahre später nur Sergio Leone in seinem Meistwerk „Spiel mir das Lied vom Tod“, der den virtuosesten Abgesang auf die Cowboy-Ära aller Zeiten schuf.

Bewertung: 9/10 Punkten

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2 Kommentare leave one →
  1. August 30, 2008 1:11 pm

    Wirklich einer meiner – wenigen – liebsten Western. Habe ich damals als kleiner Stöpke gesehen und gehört zu meinen ersten Filmerlebnissen. Der Score gehört heute noch zu meinen Favoriten. Sollte ich auch mal wieder schauen…

  2. August 31, 2008 4:26 pm

    Jap, solltest du 🙂 . Wird ja eigentlich auch recht häufig im TV ausgestrahlt.

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