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Filmkritik: „Young @ Heart“

Oktober 11, 2008

Ein Chor in Northampton, der auch über den großen Teich hinaus viele Erfolge feiert. Nichts Besonderes möchte man meinen. Doch das Alter der Sänger und Sängerinnen, welche für das Groß des Publikums Oma und Opa, wenn nicht gar Ur-Großeltern sein könnten, spricht wahrlich für sich und ist alles andere als gewöhnlich. „Young @ Heart“ ist einmalig in der Musikgeschichte und begeistert stets aufs neue seit Jahren Jung wie Alt. Wieder steht ein Konzert an, diesmal in der Heimatstadt wo alles begann. Und die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren…

Das Altern, ein nicht vermeidbarer Prozess in unserem Leben. Jahr für Jahr, Tag für Tag gelangen wir näher an die Schwelle zum Tod. Ebenso wie die Zahl hinter unseren Namen verändern sich auch unsere Gewohnheiten und Bedürfnisse. Worte wie Altersheim, Einsamkeit und Perspektivlosigkeit erzeugen Angstzustände. Und für viele Menschen sind diese Dinge die entmutigende Wirklichkeit, denn nur die wenigsten erhalten sich ungeachtet ihrer tickenden biologischen Uhr ein angemessenes Lebensgefühl, um nicht der Apathie zu verfallen. Das Paradebeispiel für solch rüstige Senioren sind die Männer und Frauen des „Young @ Heart Chores“. Eine Gesangsgruppe aus Northampton, Massachusetts, mit einem durchschnittlichen Alter von ca. 80 Jahren, die mit ihren Auftritten weltweit große Erfolge verbuchen können.

Entgegen erster Vermutungen, und das ist beinahe erstaunlicher als die große Anzahl der Lebensjahre, welche die Beteiligten durch Addition zusammenbekommen, singen diese aber keineswegs die „Großeltern-typischen Klassiker“, sondern getrauen sich gelungene Neuinterpretationen bekannter Rock, Punk, und Popsongs wie von  etwa den  Ramones, Bee Gees, Talking Heads oder David Bowie. Chorleiter Bob Cilman rief das Projekt 1982 ins Leben und was damals noch als heiterer Zeitvertreib für Senioren begann entwickelte sich bis heute zu einem professionell geführten, künstlerischen Projekt, das in seiner Strenge und Anspruch keinen Unterschied macht zu anderen, vielleicht jünger besetzten Vertretern. Regelmäßige Proben, Auslandsreisen und viele Auftritte auf heimischen Boden, so sieht der volle Programmplan aus, den die Alten erstaunlich gut bewerkstelligen und bis auf wenige gesundheitsbedingte Ausnahmen stets einhalten zu wissen. Es ist eine Geschichte der Lebensfreude, des unbändigen Antriebs und der Lebensbejahung. Ganz entgegengesetzt des gängigen Verlaufs eines verdienten Ruhestandes. „Wer rastet, der rostet“, so das bekannte Sprichwort und sieht man sich den Chor einmal genau an, erkennt man, wie viel Weisheit hinter diesem Satz steckt. Trotz von Krankheit, Gebrechlichkeit, Sehschwäche und Gedächtnisproblemen geplagt, haben diese Senioren eine mächtige Power in sich, die sie immerzu antreibt und wohl erst auf dem Totenbett wieder verlassen wird.

Denn der Tod, so tragisch er auch ist, gehört dazu, wenn man mit Menschen nahe dem Lebensende arbeitet. Bob Salvini und Joe Benoit, zwei der talentiertesten und meist geschätzten Mitglieder verstarben unerwartet innerhalb kürzester Zeit vor der Aufführung. Ein bemerkenswerter Beweis für die Stärke und das Ehrgefühl der Alten ist das anschließende Gefängniskonzert kurz nach der Bekanntgabe des tragischen Ereignisses, welches sie ihren dahingeschiedenen Kameraden widmen. Nicht nur den Insassen schießen dabei Tränen in die Augen, angesichts der gefühlvoll vorgetragenen Balllade „Forever Young“, die so etwas wie einen letzten Abschied von ihren ehemaligen  Freunden darstellt. Ein äußerst stiller Moment in diesem heiteren Treiben, der sich gen Ende noch einmal wiederholt, als Fred Knittle für seinen verstorbenen Duett-Partner Bob voller Hingabe „Fix You“ von Coldplay zum besten gibt. Es ist ein ergreifender Anblick, diesen alten, charismatischen Mann mit seiner Sauerstoffflasche vor dem Mikrofon sitzen zu sehen und er ein letztes Mal seine unvergleichliche Ausstrahlung auf der Bühne gelten lässt.

Überhaupt ist der Chor ist eine Anhäufung der buntesten Gestalten. Von der mehrfachen Ur-Großmutter Dora Morrow, dem ehemaligen Piloten Len Fontaine oder dem Ex-Marine Steve Martin, das Spektrum dieser unterschiedlichen Individuen ist enorm weitreichend. Und wenngleich die Vergangenheiten all dieser Menschen unterschiedlicher nicht sein könnten, so verbindet sie doch jetzt, an ihrem Lebensabend, eines ganz gewiss: Die Liebe zu Musik und Gesang. Das sie dabei nicht unbedingt nicht jeden von Bob Cilman vorgeschlagenen Song mögen tut nichts zur Sache. Denn gerade der Wille sich neuen Herausforderungen zustellen, den Horizont zu erweitern und dem „Einsrosten“ entgegenzuwirken sind die gewichtigen Indikatoren für das zufriedene Dasein dieser Männer und Frauen. Da gilt es dann auch anzutreiben und zu fordern, wenn Stan Goldman mal wieder seine zwei Zeilen Text vergisst und Dora ihren Takt nicht findet. Denn wenn sie eines sicherlich wollen, dann ist es nicht wie Kinder behandelt zu werden. Dass dem Chorleiter diese Gradwanderung zwischen strenger Führung und unnötiger Verbissenheit mittlerweile schon seit 26 Jahren immer wieder aufs Neue gelingt, zeigt wie die Chemie stimmen muss zwischen dem „jungen“ und „alten“ Semester. Regisseur Stephen Walker sagte selbst, dass er im Laufe der Dreharbeiten „24 neue Großeltern“ bekam, die aber mit den Großeltern die er kannte nicht viel gemeinsam hätten.

Das diese quietschfidelen Rentner aber mittlerweile auch was die Vermarktung anbelangt gehörig zugelegt haben, davon zeugt der immense Bekanntheitsgrad, ausverkaufte Konzerte und sogar Merchandising-Artikel. Ganz wie aktuelle Pop-Stars, nur eben ein paar Dekaden mehr auf dem Buckel habend.  Und das man sich auch mit 70 nicht schämen muss eine heiße Bühnenperformance in Form eines Striptease hinzulegen, dafür ist die mittlerweile mit 93 Jahren verstorbene Eileen Hall das beste Beispiel. Bis vor nicht allzu langer Zeit zählte solch eine Entblätterung zu den Highlights der Show und möchte man den Aufnahmen Glauben schenken, hatte sie sich in den letzten Jahren von ihrer, wie selbst sagte,  früheren Schüchternheit, stark distanziert. Ein solch kokettes und aufreizendes Wesen gehört bei einer alten Dame bekanntermaßen nicht zur Regel. Richtigerweise lässt Stephen Walker dabei den wichtigsten Vertretern des „Young @ Heart-Chores“ genügend Raum, um von sich und ihren Geschichten erzählen zu können. Das jedoch einige wenige nicht richtig zur Geltung kommen, mag in Anbetracht der zwei Dutzend Mitglieder verständlich sein. Aber auf der Bühne, wie auch in den eigens für den Film zusammengeschnittenen Musikvideos sind sie wieder eine Einheit. Gemeinsam rocken sie in aberwitzigen Szenerien bei etwa „Golden Years“ oder „Road to Nowhere“ die Kinoleinwand. Der Spaß an der Sache steht ihnen dabei in die Gesichter geschrieben. Eine Parabel auf das Glücklichsein im Alter, das nicht zwangsläufig aus Lethargie bestehen muss, sondern durchaus seine Reize hat. Man muss sich ihnen nur öffnen.

„Young @ Heart“ ist ein wahres Kleinod. Eine Mischung aus Dokumentation, Musikclips und mitreißenden Bühnenauftritten, der auf vielerlei Filmfestspielen zu Recht Lob und Anerkennung widerfuhr und nicht nur Freunden von „Buena Vista Social Club“ sicherlich einiges an Vergnügen bereiten wird.

Bewertung: 9,5/10

PS: Mein Dank geht an dot-friends.com, die mir einen Kinogutschein für „Young @ Heart“ zur Verfügung gestellt haben. Dot-Friends arbeitet im Auftrag der Senator Entertainment

Poster © by Senator Film

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4 Kommentare leave one →
  1. Oktober 24, 2008 6:58 pm

    So, jetzt habe ich den Film auch gesehen und stimme Dir eigentlich komplett zu. Bei „Forever Young“ habe ich im Kino geheult wie ein Schlosshund 😦

  2. Oktober 24, 2008 11:52 pm

    Mir gings ebenso. War mir das erste Mal im Kino passiert. Ich habe selten so eine bewegende Doku gesehen. 😦

Trackbacks

  1. MoviezKult » Young@Heart
  2. Die rührendste Coverversion von „Fix You“ « Laila's Musik Blog

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