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Filmkritik: „Wolke 9“ (D 2008)

Oktober 18, 2008

Inge (Ursula Werner) und Werner (Horst Rehberg) sind seit 30 Jahren verheiratet. Doch Inge lernt den bald 80 jährigen Karl (Horst Westphal) kennen und stürzt sich mit ihm in eine leidenschaftliche Affäre. Als sie ihrem Mann das Verhältnis beichtet, bricht für diesen eine Welt zusammen…

Tagtäglich werden wir zugedröhnt mit nackter Haut und Erotik. Sex sells. Nicht nur in den Medien, auch in unserer Gesellschaft ist dem einstmaligen Tabuthema ein Wandel widerfahren. Was einstmals als verpönt galt, beherrscht nun unsere TVs, Plakate, Zeitschriften und insbesondere das Internet. Doch die heimischen Gefilde bilden dabei keine Ausnahme, viel unbeschwerter und weniger konservativ orientiert gehen wir mit dem Thema um. Das Kinder schon mit 13 ihre ersten Kinder zur Welt bekommen ist schockierende Realität. Doch befragt man diese Teens, wie es denn in den Schlafzimmern älterer Semester aussähe und richtet das Thema auf hemmungslose Liebe im Alter aus, erntet man mit großer Sicherheit erschrockene Gesichter.

Aber warum soll sich nur die Jugend austoben können. Warum sollen Alte unbedingt „alt“ leben und nicht auch in einem hohen Alter noch Spaß am Partner haben. Was ist eklig daran, dass sich Oma und Opa immer noch genauso anziehend finden wie damals im Autokino auf der Rückbank von Opas Karosse. Oder vielleicht sogar auf ihre letzten Jahre noch einmal die großem Liebe finden und sich einem gänzlich neuen Partner zuwenden, um mit diesem ihren gemeinsamen Lebensabend zu verbringen. An dieses sensible Thema wagte sich nun Andreas Dresen in Zusammenarbeit mit seinem ehemaligen Team von „Halbe Treppe“ und startet dabei den Versuch, dieses noch beinahe unbefleckte filmische Terrain angemessen zu verarbeiten. Dabei machte er von vornherein keinen Hehl daraus, was den potentiellen Cast erwarten würde. Nackte Körper und explizite Sexszenen. Erstaunlicherweise hatte so gut wie keiner der Darsteller ein Problem damit.

Und es gehört sicherlich etwas dazu, mit hohem Alter hüllenlos vor der Kamera zu stehen. Dieser Mut zur Wagnis sorgt für einen verblüffenden Eindruck des Zuschauers beim Betrachten der unverfälschten, authentischen Szenen und stellt den größten Pluspunkt des Filmes dar. Ohne Scheu und falsche Scham geht er äußerst neutral und objektiv dieses kontroverse Thema an und unternimmt zu keinem Zeitpunkt den Versuch das Geschehen in irgendeiner Weise abzuschwächen, zu verfremden oder gar auszublenden. Der Zuschauer bekommt genau das zu sehen, was die Intention des Regisseurs verspricht. Eine Frau verliebt sich in hohem Alter noch einmal neu, zu allem Erstaunen auch nicht in den klischeehaften jüngeren Boy, sondern in einen gestanden Mann, der das Alter ihres Gatten noch einmal deutlich übersteigt. Das so zustande kommende Gefühlschaos, die seelische Zerrissenheit und natürlich auch das schlechte Gewissen was sich angesichts dieser so nicht erwarteten Umstände einstellt, wird hervorragend von Ursula Werner übertragen.

Ein Seitensprung ist im jungen Leben schon in den meisten Fällen keine leichte Sache, rückblickend auf 30 glückliche Ehejahre nimmt dies  an Schwere ohne weiteres noch einmal  erheblich zu. Vor allem die sich auftuende Perspektivlosigkeit für den verschmähten Werner lässt Mitleid aufkommen. „Was habe ich falsch gemacht“, eine Frage, mit der er zweifelsfrei nicht alleine dasteht, aber auf die eine Antwort kaum zu geben ist. Zumindest in seinem Fall. War es die strenge Monotonie des langen Ehelebens, die langweiligen Abende vor dem Schallplattenspieler oder die nichts sagende Stille während gemeinsamer Momente. Oder war es schlicht und ergreifend nur Schicksal? Einfach nur das Leben, mit all ihren Unvorhersehbarkeiten und Überraschungen die es bereithält? Negativ fällt dabei ein großer, inszenatorischer Mangel seitens Dresens ab dem letzten Drittel ins Auge.

Von diesem Zeitpunkt an verlässt der Film seine vormals neutrale Grundhaltung und nimmt unnötig moralische Tendenzen an. Er verliert sein Ziel aus den Augen, ganz frei von Klischees den Verlauf der Geschichte zu erzählen. Mehr und mehr wird Inge zur Schuldigen deklariert, Werner als unschuldiges Opfer dargestellt und die zuvor zur Mutter so loyale Tochter wendet sich gegen sie. Als die Fassade langsam zu bröckeln beginnt und Inge ihren Mann verlassen will, wird mit dem wohl überlegten Sujet gebrochen. Der finale, erhobene moralinsaure Zeigefinger will sogar nicht gefallen. Erschwerend kommt hinzu, dass obschon ihrer wichtigen Thematik die Geschichte äußerst zähflüssig gestaltet ist. Bedingt durch den streng linearen Szenenaufbau, den wenigen vorkommenden Charakteren und der eben sehr realitätsnahen Bauart wirkt alles sehr eintönig und wenig beschwingt, was zwar den Fokus starr auf der Beziehungsproblematik behält, doch dem Drumherum so gut wie keine Beachtung schenkt sondern stets nur leicht anreißt und infolge dessen zuweilen den Anschein einer gewissen Redundanz erweckt, welche das Gesamtkonzept zunehmend ihrer Glaubwürdigkeit entzieht. Von dem konstruiertem Ende ganz zu schweigen, das in seinem Wirken vielleicht plausibel erscheinen mag, aber dies auch nur deshalb, weil es auf das halbgar entworfene Davor aufbaut. Man kann nur spekulieren, ob dieser grundlegende Wechsel der Betrachtungweise durch Storytechnische Mängel hervorgerufen wurde oder ob es vielleicht sogar die gewollte Absicht des Regisseur war, um dem (vermeintlichen) Lauf des wirklichen Lebens treu zu bleiben, in dem die Frau sich dann doch entgegen jedermanns Glauben für ihre neue Liebe entscheidet und den Ehemann gebrochen zu Hause lässt.

Wie dem auch sei, „Wolke 9″ ist auf thematischer Ebene ein großartiger, mutiger Film über das  von Problemen geplagte  Liebes- und Beziehungsleben im Alter, schlägt jedoch gen Ende einfach den falschen, weil vorurteilsvollen Weg ein und  vergisst dabei  leider, was er am Anfang eigentlich sein wollte.

Bewertung: 5,5/10 Punkten

PS: Mein Dank geht an dot-friends.com, die mir einen Kinogutschein für “Wolke 9” zur Verfügung gestellt haben. Dot-Friends arbeitet im Auftrag der Senator Entertainment

Poster © by Senator Entertainment

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2 Kommentare leave one →
  1. Oktober 19, 2008 11:33 am

    Hm, schade. Auf DVD werd ich mir den später auch mal gönnen, bis dahin heißt es hoffen, dass der Film keine 5,5/10 ist 😀

  2. Oktober 19, 2008 11:50 am

    Ich war wirklich schwer enttäuscht, vor allem bei diesem Thema. Aber auf DVD kannst du ihm sicherlich ne Cahnce geben 😉

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