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Vorab-Filmkritik: „Frohe Zukunft“ (DE 2008)

November 3, 2008

frohezukunft

Kinostart: 13. 11. 2008

Das 20jährige Jubiläum des Mauerfalls kündigt sich so langsam an. Zeit also, sich einmal mehr mit dem Vergangenen in Ostdeutschland zu beschäftigen. Diesmal geht es um das heiligste vieler Menschen, die Familie. Drei davon, Mütter, Väter, Kinder und Großeltern reflektieren nun, wie sich ihre Banden seit damals bis zum heutigen Tag verändert haben. Ist seitdem wirklich alles besser geworden?

Die Wende und die deutsche Einheit. Das sind zweier der geschichtlichen Ereignisse unserer Nation, die Deutschland wohl noch eine lange, unbestimmte Zeit aufs stärkste prägen werden. Zuviel war geschehen, hat sich für die Menschen geändert und so ganz nebenbei ein Land von der Weltkarte verschwinden lassen. Heute, 19 Jahre später, sind die Auswirkungen von 1989 in der Bevölkerung immer noch spürbar. Dies muss aber nicht gleich im positiven Sinne zu verstehen sein. Denn nicht für alle ehemaligen DDR-Bürger brachte es den erhofften Wandel zu besseren Lebensumständen. Arbeits- und Perspektivlosigkeit stellte sich bei nicht wenigen ein, beides wurde meist durch den Alkohol zu ertränken versucht. Das Familienleben wurde vor neue, ungeahnte Hürden gestellt, die viele nicht ohne mehr oder weniger große Komplikationen zu überwinden wussten. Ebenso erging es den Eltern von Bianca Bodau, die sich nun nachfolgend mit ihrem Dokumentarfilm „Frohe Zukunft“ genau dieser Thematik angenommen hat und damit vielleicht auch so etwas wie eine eigene Vergangenheitsbewältigung betreibt.

Denn getragen von einer wahren Ostalgiewelle in den letzten Jahren, setzt sich dieses Projekt jedoch mit einem weitaus spezielleren Zweig auseinander und lässt somit den Eindruck eines wiederholten Aufgusses der mittlerweile beinahe leidigen Standardthemen unbegründet. Theoretisch möchte man meinen, dass sich die Regisseurin ob ihrer eigenen Hintergrundgeschichte sehr persönlich des Themas annehmen würde, doch dem ist nicht so. Äußerst neutral und bis auf den von ihr gesprochenen und gespielten Prolog jederzeit objektiv lässt sie die einzelnen Personen zu Wort kommen. Keine weiteren Kommentare, keine Fragestellungen, ja nicht einmal ein Sprecher findet sich während der knapp anderthalb Stunden Laufzeit vor, was zwar somit den reinen Doku-Charakter verstärkt, jedoch die Nähe von Interviewer und Interviewten vermissen lässt. Oftmals reden letztere einfach so ins Blaue, kommen vom einen ins tausendste und lassen die wirklich erwähnenswerten Details in der Fülle an Informationen etwas untergehen.

In der Summe reduzieren sich die Sprachparts auf mäßig konstruktiv aneinander gestückelte Szenen, die keinem rechten Muster folgen und an Rhythmus arg vermissen lassen. Hin und her wird zwischen den Personen gesprungen, bei denen aufgrund der ebenso fehlenden Namens- oder Beziehungsbezeichnungen das richtige Unterscheiden erst nach geraumer Zeit möglich ist. Dass die Übergänge zwischen den einzelnen Statements zudem noch sehr holprig geraten sind und immerzu eine viel zu harte Linie zum Vorangegangenen ziehen, vermag auch nicht sonderlich zu gefallen. Nicht weniger zufrieden stellend fällt die musikalische Begleitung aus. Diese besteht fast ausschließlich aus nur einem Stück, das bereits nach kurzer Zeit infolge seiner Penetranz das Nervenkostüm des Zuschauers strapaziert und viel zu oft, ungeachtet seiner Sinnhaftigkeit, Verwendung findet. Es lässt sich also durchaus sagen, dass „Frohe Zukunft“ auf handwerklicher Ebene einzelne arge Mängel innehat, die ferner auch eine Handvoll Längen verschulden.

Ein flüssiges Erzählen will nicht so recht aufkommen, was angesichts der hochinteressanten Thematik bedauerlich ist. Das Prädikat „Besonders wertvoll“ hat sich „Frohe Zukunft“ nichtsdestotrotz dennoch verdient. Alleine schon die Intention Bianca Bodaus ist eine wichtige und in ihrer, wenn auch nicht immer fehlerfreien Umsetzung, interessant zu verfolgen. Die Familien wissen vieles preiszugeben und die Dokumentation inhaltlich zu füllen, wenngleich so manche Szene in ihrem Dasein schlicht unnötig erscheint. Als Beispiel sei hierbei das Kundengespräch des Versicherungsmannes genannt, welchem beim besten Willen keinerlei größere Bedeutung zuzusprechen ist und den Erzählfluss stark ausbremst. Des Weiteren ist es Frau Bodau sehr gut gelungen, ohne etwaige Schuldzuweisungen zu arbeiten. Sie bewertet nicht, sie zeigt lediglich Tatsachen auf und lässt jeden selbst entscheiden, was er von der jeweiligen Sachlage halten kann. Die Dokumentation stellt keine unnötigen Fragen auf, die sie eh nicht beantworten könnte, sondern verlässt sich ganz und gar auf die Realität. Die Realität, die den drei Familien widerfahren ist und nicht von der Hand zu weisen ist. Nun gilt es also zu fragen, ob der internationale Status gerechtfertigt ist? Kurz und knapp, ja. Muss die Regisseurin aber auf inszenatorischer Ebene noch dazu lernen? Und auch hier muss dies bejaht werden, denn schöne Aufnahmen, ein hochwertiges Thema und redselige Probanden sind dann eben leider doch noch nicht alles, was eine ausgezeichnete Dokumentation ausmacht.

„Frohe Zukunft“ mag vielleicht nicht frei von Fehlern sein, ist jedoch aber einer der wenigen Genrevertreter, der sich bezüglich des DDR-Szenarios auf thematisches Neuland wagte und insofern nicht der grauen Masse vergleichbarer Produktionen gleicht, was infolgedessen zur Freude aller Kinogänger diesen einen wohl bemerkenswert informativen Besuch der Lichtspielhäuser gestatten wird. Auch wenn leider Abstriche in der Inszenierung gemacht werden müssen.

Bewertung: 6,5/10

Poster©Tiger TV GmbH

Der Originaltext ist erschienen auf: www.zelluloid.de

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