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DVD-Kritik: „Three Burials – Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ (USA/Frankreich 2005)

November 20, 2008

threeburials

Tommy Lee Jones stieg 2004 mit „Three Burials“ auf den langen Zug der regieschaffenden Schauspieler auf und schuf mit seinem Kinodebüt gleich ein sehr achtbares Ergebnis, dass in Cannes Preise für Drehbuch und Jones Darstellerleistung entgegen nehmen durfte. Doch es sollte lange dauern, bis der Film einen Verleiher fand. Unverständlich, weil es Kino in dieser Form und Qualität nur noch selten zu finden gibt. Auf der Verpackung als Neowestern kategorisiert kann man dieser Bezeichnung aber nur zu kleinen Teilen zustimmen. Denn es sind zwar einige Anleihen an das renommierte Genre vorhanden, hauptsächlich natürlich das Wüsten-Mexico Szenario, doch der Rest spricht deutlich mehr für ein vielschichtiges Drama über tiefe Freundschaft, Schicksalsschläge und traurige Einsamkeit.

Der Cowboy Pete Perkins (Tommy Lee Jones) führt ein glückliches Leben, was aber vor allem seinem mexikanischen Freund Melquiades (Juli Cedillo) zu verdanken ist, der infolge seines plötzlichen Auftauchens auf einer Ranch zum besten Freund des besonnenen Amerikaners wird. Der spanisch sprachige Cowboy lässt ihn schwören, dass falls er einmal abtreten sollte, er seinen Leichnam bitte in seinem Heimatdorf begraben wird. Pete nimmt den Schwur an. Nichts ahnend, dass er ihn bald einlösen wird, als der teuflische Grenzpolizist Mike Norton (Barry Pepper) den Mexikaner fälschlicherweise nieder schießt. Nachdem Polizei wie Grenzschutz die Sache unter den Teppich kehren nimmt Pete die Sache selbst in die Hand. Er entführt den Schützen, lässt diesen den Mexikaner wieder aus seinem anonymen Loch auf einem Friedhof ausgraben und mitsamt der immer mehr verwesenden Leiche beginnt für die drei eine wahrlich qualvolle Odyssee bis zur Grenze und noch weit darüber hinaus…

Eine narrative Besonderheit ist dabei die, dass der Ablauf der Geschichte bis zu Beginn der zweiten Hälfte in drei Zeitebenen unterteilt ist, die unentwegt in Raum, Zeit und Sichtweise umherschalten und erst nach und nach ein schlüssiges Bild ergeben. Stückchenweise wird der Zuschauer auf das vorbereitet, was den schlussendlichen Kern des Ganzen ausmacht. Nämlich das noch verbleibende dritte Begräbnis des Melquiades Estrada. Den Weg dahin nutzt Pete Perkins um Mike Norton für seine sicherlich so nicht gewollte Tat nach allen Regeln seiner grausamen Kunst zu bestrafen. Der anfangs noch abstoßende Charakter von Mike wird alsbald zur Zentralfigur des Zuschauers, die er bei all den Gräuel und Torturen begleitet. Und das in ungeschönter Art und Weise, denn das echte und unverfälschte scheint eines der Dinge zu sein, auf die Tommy Lee Jones beim Dreh sehr viel Wert gelegt haben mag. Die zeitweise nahe dem Sadismus grenzende Vergeltungswut des Cowboys scheint keine Grenzen zu kennen und bricht den Geist seines Gefangenen schon nach kurzer Zeit. Aber der Konflikt dieser beiden Männer ist bei weitem noch nicht alles, denn anstatt sich an diesem Duell zu erschöpfen streut der Regisseur in regelmäßigen Abständen Szenen des kleinen Storyzweigs von Mikes Ehefrau, wie auch der Geliebten von Pete und dem Sheriff ein, welche die Schwermut und drückende Stimmung ein wenig aufzulockern wissen und auch inhaltlich eine gute Ergänzung bieten.

Schade ist es daher, dass dieser Part so jäh sein Ende findet und dessen Charaktere scheinbar in  der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Gerade bei einem Autor wie  Guillermo Arriaga, der schon so fabelhafte Bücher für Inarritus Schicksalstrilogie („Amores Perros“, „21 Gramm“, „Babel“) verfasste, entbehrt es diesmal in nicht nachvollziehbarer Weise so ein paar kleineren wünschenswerten Raffinessen und dem nötigen Feinschliff. Seinen prägnanten Stil jedoch hat er auch bei diesem Film nicht verloren und baut wieder einmal eine sehr unbehaglich stimmende Atmosphäre auf, die in all ihrer Melancholie aber  die Grenze zur niederschlagenden Depression nicht überschreitet und für so etwas wie Leichtigkeit noch ausreichend Raum lässt. Mehr noch, „Three Burials“  beinhaltet neben seiner bisweilen groben und rohen Art auch eine Seite, die die Schönheit von Landschaft und Stimmung in all ihrem zarten Wesen auf den Bildschirm projiziert und dabei die schicksalsschwere Reise der beiden Männer wunderbar umrahmt. Das dabei aber Tommy Lee Jones einen Preis entgegen nehmen durfte scheint unverständlich, da Berry Pepper seinen älteren Kollegen darstellerisch verdammt blass aussehen lässt. Jones spielt wieder einmal seinen Stereotyp, den er bisher beinahe immer in seiner Karriere mimte. Wortkarg, vom Leben gezeichnet, etwas mürrisch und gerade wegen seiner eher minimalistischen Art zu Schauspielern dann doch irgendwie ungemein charismatisch.

Leider hat dieses Muster mittlerweile arg an Staub angesetzt, als das es heute noch wirklich zu begeistern vermag. Untermalt wird das geruhsame Geschehen von typischen Westernklängen, die mit Hispano- und Countryeinflüssen angereichert wurden und beileibe nichts weltbewegendes darstellen, aber in Verbindung mit dem Filmaufbau homogen erscheinen. Denn dieser ist vom doch recht komplexen, versatzstückhaften Anfang mal abgesehen, genretypisch äußerst linear ausgerichtet und verläuft so unverändert mit beängstigender Ruhe bis zum überraschenden Ende, welches dann auch die Intention des Regisseur vollends preisgeben wird und für den einen oder anderen handlungstechnischen Hänger Verständnis aufbringen lässt. Denn das Problem, dass all die Nebencharaktere zwar eingeführt, aber auch genauso schnell wieder vergessen werden und im Nachhinein als abgegrenzte Statisten der Geschichte erscheinen, erlangt durch die neu gewonnenen Erkenntnisse eine ganz andere Dimension und ist, wenn man sich darauf einlässt, durchaus  etwas nachvollziehbar, aber immer noch bei weitem nicht zufrieden stellend.

„Three Burials“ ist keineswegs ein Film für den normalen Western-Fan, genauso wenig aber auch ein sinniger Zeitvertreib für eher Mainstream orientierte Zeitgenossen. Narration, wie auch Intention des Regisseurs sprechen in vielen Teilen klar eine Arthousesprache, die sich zwar in ihrer Dringlichkeit zu beherrschen weiß, aber doch unverkennbar vorhanden ist. Wen dies nicht abstößt, der sollte dringlichst einen Blick riskieren, eine klare Empfehlung aber lässt sich leider nur schwerlich aussprechen. Dazu sind  „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ in ihrer vermindert unterhaltungsfokussierten Machart einfach zu wenig massentauglich.

Bewertung: 7,5/10 Punkten

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2 Kommentare leave one →
  1. November 20, 2008 7:48 pm

    Schönes Review. Der Film steht schon lange in meinem DVD-regal, muss ich unbedingt mal anschauen 🙂

  2. November 23, 2008 10:59 am

    Ich wünsche dir dabei viel Vergnügen und bitte schreibe dann auch eine kleine Kritik. Täte mich sehr interessieren, wie du mit dem Konzept des Filmes umzugehen wusstest. 🙂

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